Olympya

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Mit seiner neuen Band Olympya unternimmt der Rapper Marcus Borchert aka Pierre Sonality den radikalsten Schritt seiner Karriere. Zielsicher überführt die Hamburger Band auf ihrem ersten Album „Gold“ NDW, Post-Punk, Dark Wave, Hip-Hop und Pop zu hochinfektiösem, modernem Pop.

Wir leben in postdistinktiven Zeiten und das ist auch gut so. Warum? Weil das Kenntlichmachen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Peer Group zwar einerseits die Herausbildung einer scheinbar individuellen Identität erleichtern kann – im hormonellen Dauerfeuer der Teenagerzeit unbedingt von wohltuender Wirkung –, aber ästhetisch ist mit Abgrenzung natürlich nichts gewonnen. Insofern gilt: Freiheit für die Musik, umarmen wir die Disparität!

Nehmen wir die Gruppe Olympya, die die neue Grenzenlosigkeit perfekt verinnerlicht hat. Auf ihrem ersten Album „Gold“ übertragen die Hamburger die schnodderige Euphorie und den punkgeschulten Breitwand-Rock von Neue-Deutsche-Welle-Vertretern wie Extrabreit oder Nichts mit der unterkühlten, elektronisch grundierten Ästhetik jener Tage sowie einem direkten Zug zum Refrain.

So erinnern die Gitarren in „Selbstmord“ gleichzeitig an „Polizisten“ von Extrabreit und an „London Calling“ von The Clash und die erste Single „Tabletten“ vollbringt das Kunststück, die Düsternis und den Taumel im Angesicht einer vergangenen Liebe mit einem mitreißenden Refrain zu kombinieren, der dieses Liebeskummer-Drama mit maximaler Euphorie und Dringlichkeit zielsicher in die Synapsen schießt.

In der zweiten Single „Rocky“ verliert sich derweil ein Mobbing-Opfer in Tagträumen von Rocky Balboa. Der Song wirkt aus der Zeit gefallen, der Protagonist des Songs holt sich alte Filme in der Videothek und imaginiert sich in Filmwelten, mittels derer er die als feindlich empfundene Außenwelt ausblendet. Sylvester Stallone verhilft ihm zu Rachefantasien, der Beat ist schleppend, die unheildräuenden Synthies deuten die Sozialisation eines künftigen Amok-Täters an, der Text lässt das offen.

Mit solchen Unwägbarkeiten und Möglichkeitsräumen spielen Olympya immer wieder. Mit einem verhallt magischen Darkwave-Intro beginnt etwa „Berlin“, das dem Genre des Berlin-Songs eine dunkelromantische Liebesromanze mit makabren Einschüben hinzufügt, deren an Falco erinnernder Refrain sich niemand entziehen kann.

Darin liegt ja überhaupt die außergewöhnliche Gabe dieser Band: Olympya kombinieren bitterironische Schärfe, politischen Biss wie in „Tief im Osten“ (ist nicht auf dem Album)und präzise Alltagsbeobachtungen wie in „Alte weiße Männer“ mit mitreißenden Refrains, die ihren Betrachtungen ein universelles Moment verleihen. Das stakkatohafte Klavier zu Beginn von „Teenage“ läutet eine Uptempo-Partycrasher-Hymne ein, die Motive der klassischen Teenie-Komödie verhandelt, „Crash Test Dummie“ schließlich ist die vielleicht deutlichste NDW-Referenz: ein unheilschwangeres Keyboard, Call-and-response-Chöre, minimalistische Strophen, breitbeinige Sturm-und-Drang-Refrains.

Allerdings tun Olympya weit mehr, als nur bekannte Schemata zu variieren. Und vermutlich braucht es für diese Musik ja eine besondere Perspektive auf die Rockmusik, wie sie nur ein traditionell Außenstehender einnehmen kann. Rock-Betriebsblindheit kann man der Band rund um Marcus Borchert jedenfalls nicht vorwerfen: Unter dem Moniker Pierre Sonality ist der Olympya-Sänger und Texter ein Household-Name der deutschen Hip-Hop-Szene, nicht zuletzt stand er der Rap-Crew Funkverteidiger vor.

Bereits damals war Borchert ein musikalischer Freigeist und experimentierte mit den unterschiedlichsten Rap-Strömungen: „Mach, worauf du Bock hast“, sagte er 2017 in einem Interview mit Rap.de. „Ich möchte frei von Dogmen und Engstirnigkeit arbeiten können, frei von Druck und falschen Erwartungen.“

Den radikalsten künstlerischen Schnitt seiner Karriere unternimmt Borchert aber jetzt. Indem er sich von der Kunstfigur Pierre Sonality verabschiedet hat, kann er nun befreit und jenseits von jedem mit Olympya seine künstlerische Vision erfüllen. Zwei Jahre haben Borchert und seine zwei Olympya Partner, Andi und Lucas (ebenfalls aus dem Funkverteidiger Kreis), an „Gold“ gearbeitet, Rückschläge inklusive. So verwarfen die Musiker ein bereits fertig produziertes Album, sowie 4 fertige Musikvideos, nachdem sie sich eingestehen mussten, ihr Ziel verfehlt zu haben.

Auf der langen kreativen Suche nach dem idealen Olympya-Sound konnte Borchert auf Expertise aus anderen Bereichen vertrauen. So hat der Hamburger Produzent Jurek Maretzki ebenso einen Anteil an „Gold“ wie der Multiinstrumentalist Kay Petersen. Diese Männer blicken auf ihre Musik mit der Erfahrung, die sie in den vielen Jahren ihrer bisherigen Karriere gesammelt haben, aber – wichtiger – auch mit immer noch mehr als genug Neugierde und juveniler Kraft. Zwar operieren Olympya in durchaus ähnlichen musikalischen Gefilden, wie wir sie von Bands wie Kraftklub, Von Wegen Lisbeth oder The Screenshots kennen. Sie nehmen indes aus ihrer Geschichte heraus eine Sonderstellung ein, mittels derer sie Post-Punk, Rap und Pop auf bislang unerhört euphorisch-mitreißende Weise zu einem unwiderstehlichen Pop-Amalgam der letzten drei Musikjahrzehnte verschmelzen lassen.

Das besondere Verdienst der Gruppe Olympya liegt also tatsächlich in der Weise begründet, wie sie das beste an der Neuen Deutschen Welle dem Schreckens-Getto jener entsetzlichen NDW-Ü-50-Partys entzerren und unter Hinzunahme einer gewissen Düsternis und einer klaren Hip-Hop-Perspektive zurück ins Licht führen. Man denkt hier immer wieder an Songs wie „Radio“ von Nichts, „Eisbär“ von Grauzone und natürlich an Extrabreit. Aber das sind Stücke, an die sich heute kaum noch jemand erinnern kann.

Darin liegt ja der Clou begründet: Auch Olympya können diese Musik naturgemäß nicht aus erster Hand kennen, weshalb ihre Perspektive darauf eine andere, zeitgemäße ist. NDW, Post-Punk, Elektro, Schweinerock, Hip-Hop und Pop verdichten Olympya mühelos zu einer hochinfektiösen, enorm mitreißenden modernen Popmusik, die bei allem Geschichtsbewusstsein ganz und gar im Hier und Jetzt zu verorten ist.

All diese Welten und noch viel mehr führen Olympya zusammen und belegen damit nicht zuletzt: Kein musikalisches Genre ist jemals dated, es geht immer nur darum, wie die Musik mit Leben und Bedeutung gefüllt wird. Insofern ist Olympya exakt die Band, auf die wir gewartet haben. Sie kommen genau zur richtigen Zeit.

 

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